2014-15 Josi

Bitte einmal durchatmen

Ein "ganz normaler" Tag in der Geschäftsstelle des Friedenskreis Halle e.V.

 Fünfundsiebzig, Sechsundsiebzig, Siebenundsiebzig... Was dem Reformhaus eindeutig fehlt, ist ein Fahrstuhl. Aber immerhin kann ich dieses Treppensteigprogramm als meinen Frühsport verbuchen und den Halloumi-Döner in der Mittagspause ohne ein schlechtes Gewissen zu mir nehmen.

Fünfundachtzig Stufen und man kommtin der vorletzten Etage an; dort haben es ein Friedenskreisler und eine Friedenskreislerin „besser“ als der Rest... der muss dann nämlich noch weitere neunzehn Stufen hinaufkraxeln, um an den Arbeitsplatz zu gelangen.

Dort angekommen begegnet mir lautstärketechnisch alles andere als eine friedliche Atmosphäre, ich nenne es einmal liebevoll das „Dienstagsgewusel“.

Auf dem Weg in mein Büro laufe ich zuerst an der entsendenden Marina und der aufnehmenden Anja der Friedensdienste vorbei. Diese beiden sind sozusagen die Muttis der Volunteers, welche jährlich via „weltwärts“- oder EFD-Programm bei uns eintreffen oder aber auch Deutschland für ein Jahr verlassen wollen.

Das Klacken der Tastaturen im Friedensdienstbereich wird nur durch das Hin- und Herlaufen von Lisa unterbrochen, die verzweifelt versucht ihrer / ihrem Telefongesprächspartner_in zu vermitteln, was er oder sie anscheinend nicht verstehen mag.

Hinter mir kommt, nicht mehr und nicht weniger keuchend als ich, Akash die Treppe hinauf. „Morning, Josi, wie geht es dir?“

Hey Akash, gut gut“, antworte ich dem ebenfalls Freiwilligen aus Indien.

Am ehemaligen Raucherplatz vorbei begrüßt uns der vor sich hinarbeitende Drucker mit einem monotonen Surren, gefolgt von einem abrupten Piepen. Entweder ist er erneut in den Streik gezogen oder er wünscht sich zwischen all der Blätterkotzerei ein wenig Entspannung. Diese Art der Arbeitsverweigerung soll nicht mein Problem sein.

Ein paar Schritte weiter und die Tür der ungegenderten Toilette wird aufgeschmissen. Hinaus kommt ein friedensbildender Markus, der den Kopf schüttelt. „Fast wäre mir das gesamte, dreckige Geschirr entgegen gefallen. Wer ist denn diese Woche mit dem Abwasch dran?“

Mich beschleicht das ungute Gefühl, ich könnte die faule Übeltäterin sein und stelle mich auf „charmanten Lächelmodus“ um.

Wir sollten ins Protokoll gucken“, erläutert Markus konfliktlösend.

Mist! Ich sollte vielleicht ganz eventuell das Protokoll umändern“, denke ich – ebenfalls konfliktlösend.

Dann ist auch schon das Durchgangszimmer zu meinem Büro erreicht. Ich winke Katrin, unserer Schatzmeisterin, zu. Beruhigend so eine Finanzverwalterin dieser Form zu haben, die die Sache mit den Rechnungen, Honoraren und Fahrtkostenrückerstattungen übernimmt. Andererseits wäre ich mit meinem Matheabitur à la „wie durch ein Wunder doch noch bestanden“ echt aufgeschmissen.

Endlich angekommen erwartet mich schon eine E-mail checkende Maria. Maria ist meine Mentorin und einfach einsame Spitze.

Allerdings muss auch sie sich, wie alle anderen, mit dem Phänomen „Posteingang“ auseinandersetzen. Dieses Phänomen charakterisiert sich durch ständig neu einkommende E-Mails und einen nie endenden Prozess aus „Sie haben keine neuen Nachrichten im Posteingang“ für circa fünf Sekunden und „Sie haben neue E-Mails“ für den restlichen Arbeitstag.

Während ich meine Jacke ausziehe und mich sortiere, höre ich ein Fluchen aus dem Nebenraum namens „Friedensbildung“.

Daniels Rechner scheint wohl kooperierend mit dem Drucker zu streiken. „So ein Dreck!“, schimpft der Koordinator.

Zum Glück kommt Udo heute noch. Udo ist unser Technikgenie, der schon einige Computer vor dem Schrottplatz gerettet hat und außerdem unsere gesamte Homepage, sowie die Facebookseite und sämtliche Newsletter betreut.

Wieder so eine Person, ohne die ich echt aufgeschmissen wäre, denn meine Informatikkenntnisse gleichen denen der Mathematik. Und null plus null ist ja bekanntlich null.

Kaum habe ich mich in meinen Schreibtischstuhl fallen lassen, klingelt auch schon das Telefon.

Friedenskreis Halle, Josefine Luderer, hallo?“ - Inzwischen habe ich diese Begrüßung schon ganz gut drauf. Und inzwischen weiß ich auch so ungefähr, wer der oder die Ansprechpartner_in für welches Projekt ist, um die Anrufer_innen an diese jeweilige Person weiterzuleiten.

Nach dem Beantworten mehrerer Mails und Anrufe, plane ich zusammen mit Maria die nächste Woche. Das läuft meist ungefähr so ab:

Wir haben Mittwoch um 11.00 Uhr ein Treffen mit Maik wegen der Bildungswoche.“

Oh das wird knapp, bei mir steht auch noch, dass wir zwei Einführungs-Workshops für ‚Schule ohne Rassismus‘ geben.“

Ja, das bekommen wir schon hin. Aber vor allem müssen übermorgen allerspätestens die Briefe wegen der Politikpatenschaften raus.“

Genau, und wir müssen uns nochmal zusammensetzen wegen den Lernzielen für mein FSJP.“

Das verschieben wir auf nächste Woche, nachdem wir die konkrete Planung für die Fraktionsführungen aufgestellt haben.“

Nachdem so mancher Termine ver- und die ein oder andere Nachtschicht eingeschoben wurden, klingelt das Telefon erneut. Hausintern.

Ja, hallo?“

Eine unbekannte, männliche Stimme: „Woll‘mer runter eine rauchen geh‘n?“

[Aufgrund der immer noch anhaltenden Diskriminierungen gegen Raucher und Raucherinnen werden rauchende Personen im Folgenden weiterhin anonym gehalten, da sie sich entschieden haben, unter Ausschluss der Massen selber zu entscheiden, ob sie an Lungenkrebs sterben wollen oder nicht.]

Ich antworte dieser Stimme mit einem unbedingten „Unbedingt!“ und lege auf.

Raucherpause vor dem Büroteam?“, frage ich in das Büro hinein.

Die betreffende, anonyme Person sieht aus, als könnte sie ein bisschen frische, Nikotin verseuchte Luft zwischen all dem Stress gut gebrauchen.

Ist es wieder so weit? Na dann los.“ Die anonyme Stimme ist sofort dabei.

Auf dem Weg nach unten, zu unserem neu erkorenen Raucherplatz treffen wir im Treppenhaus rein zufällig auf Stücker.

Huhu, auch hier?“

Ja, wir haben einen Anruf bekommen von Anonymous. Wir müssen runter gehen. Rauchen. Es schien dringend zu sein.“

Also was muss, das muss“, antwortet der pflichtbewusste Marcus und schließt sich uns an. Für lebensnotwendige Aufgaben lässt er auch ab und zu mal sein Projekt „Engagiert für Frieden und Entwicklung“ ruhen.

Unten angekommen treffen wir auf Margit, unserem Engel für alles. Würde es sie nicht geben, wüsste ich nach vier Wochen Arbeit im Friedenskreis immer noch nicht, wo sich das Klebeband befindet und das ist kein Scherz!

Kurzerhand wird Margit für fünf bis zehn Minuten auch zu einem anonymen Wesen und dann ist es auch schon um elf. Das Büroteam tagt im Versammlungsraum.

Das heißt wieder Treppensteigen. Im Versammlungsraum sitzen bereits Alex und Lisa.

Alex, der sich ebenfalls liebevoll um die Freiwilligen kümmert, erzählt Lisa gerade, dass Dennis (ein Freiwilliger aus Georgien) ganz verzweifelt nach einem „liquid-store“ für seine E-Zigarette sucht.

Wenn ich „elektrische Zigarette“ höre, muss ich gleich an Explosionen im Mund denken. Dieser Gedanke ist aber nicht gerade produktiv für das vor mir ablaufende Gespräch. Also schweige ich und höre zu.

Als dann auch das restliche „Büroteam“ eingetroffen ist, begrüßt Daniel in der Rolle des Moderators alle. Es folgen das obligatorische Stimmungsbild und daraufhin die „Was alles so ansteht“-Runde.

Bald wird deutlich; was die To-Do's und anstehende Dinge angeht, hat Christof, unser Geschäftsführer, ganz klar die Nase vorne.

Von neuen Vorstandsregelungen über den aktuellen Finanzierungsplan bis hin zu Infos über das letzte Bündnisplenum ist alles mit dabei.

Der Friedenskreis ist Mitglied im Bündnis für Zivilcourage „Halle gegen Rechts“, was sich vor allem gegen rechte Gewalttaten und Alltagsrassismus wendet.

Auch ich besuche das monatlich stattfindende Plenum, in welchem momentan die aktuelle Thematik die Ausgrenzung der Sinti- und Roma-Familien in der Silberhöhe und unsere Reaktionen darauf ist.

Nach der Büroteamsitzung, in welche essentielle aber nicht für die Allgemeinheit bestimmte Sachen besprochen wurden, folgt die lang ersehnte Mittagspause.

Ulrike bedankt sich bei Margit, Akash und mir für die tatkräftige Unterstützung bei ihrem Fachtag zur „Nachhaltigen Beschaffung in Halle“, welche letzte Woche stattfand. Diese Tagung im Stadthaus galt für alle als ziemlich gelungen und von der Organisation bis hin zur Ausführung als nahezu perfekt.

Doch jetzt heißt es nicht in guten Erinnerungen zu schwelgen, sondern nach vorne zu gucken. Denn als Nächstes steht ein Vorbereitungstreffen für den „Thor Steinar-Workshop“ mit Anja und Maria auf meiner Liste.

Wenn ich ein was im Friedenskreis gelernt habe (und der Lernprozess in meinem FSJ fängt gerade erst an), dann ist es, dass dieser Haufen an Planungen, Treffen und Vorbereitungen, die einem täglich begegnen, niemals anfängt langweilig zu werden und einen stets neu fordert. Und genau das ist es, was die Arbeit so reizvoll und spannend macht. Durch die starke Vernetzungen mit anderen Vereinen, Gewerkschaften und dem Bündnis, wird man tagtäglich vor neue Aufgaben gestellt.

So ist der „Thor Steinar-Workshop“, liebevoll abgekürzt mit TS-WS, zwar Angebot des Friedenskreises, aber von der „AG Ladenschluss“ entwickelt, welche wiederum Teil des Bündnis „Halle gegen Rechts“, liebevoll abgekürzt HgR, ist und zusätzlich nochmal eine Unter-AG namens „AG Kampagne“ enthält.

Kontakt zu der kommunalen Politik ist auch stets hergestellt, was sich aktuell bei unseren in den Startlöchern stehenden „Politikpatenschaften“, welche Teil des Impuslprojektes „Demokratie macht Schule“ (Naaaa, dreimal dürft ihr raten? Genau! liebevoll abgekürzt: DmS) sind, wieder bemerkbar macht.

Ich müsste lügen, würde ich behaupten, dass diese ganzen Unterteilungen und Abkürzungen mich anfangs nicht verwirrt hätten, doch mittlerweile bin auch ich zu faul „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ auszuschreiben. Termine, dieses Projekt betreffend, zieren deswegen stets ein SoRSmC.

Nach dem letzten E-Mail checken im Büro geht es heute recht früh in den Feierabend, denn morgen heißt es, um sechs aufstehen und beim Planspiel „Civil Powker“, welches sich im entwicklungspolitischen Bildungsbereich platziert, an einer Schule zu hospitieren und die beiden Teamerinnen Maria und Anja ein bisschen zu unterstützen.

Siebenundsiebzig, Sechsundsiebzig, Fünfundsiebzig … zum Glück ist es Fakt, dass sich Treppen schneller hinunter laufen, als man sie hoch geht. Und im Nu stehe ich vor dem Reformhaus und atme die kühler werdende Herbstluft ein.

 




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